Weder die klassische Medizin noch Handbücher der modernen Heilkunde geben Hinweise auf eine der heimtückischsten Krankheiten der modernen Zeit. Die Befallenen gehören keiner bestimmten Altersgruppe an. Man kann sie keinen bestimmten sozialen Schichten zuordnen. Auch scheiden besondere ethnologische Merkmale aus. Geografische Schwerpunkte sind nicht zu erkennen. Mit Vorsicht ist die Behauptung zu bewerten, dass Männer stärker befallen sein sollen als Frauen, da die bekannten Krankheitssymptome bei letzteren ebenfalls zunehmen.[<< zurück] | [Übersicht] | [weiter >>]Dem scharfen Beobachter bleiben die ersten Anzeichen von Virus veteranicus nicht verborgen. So stimmt es ihn nachdenklich, wenn ganz gesunde Männer schon im zweiten Satz einer Unterhaltung über "runde Formen" sinnieren, damit die eines Ford Taunus "Badewanne" Anfang der 60er Jahre meinen, oder hingerissen sind von den Kurven eines Austin Healey. Das irritiert gute Bekannte, die sich erinnern können, dass solche Gespräche früher einen ganz anderen Verlauf nahmen. Ehefrauen (aber auch Ehemänner) sollten spätestens dann besorgt sein, wenn "sein" oder "ihr" Blick immer öfter auf altem Blech ruhen bleibt.
Der Chronist saß einmal zufällig in der Nähe, als ein Mitglied des Mercedes-Benz-Veteranen-Clubs seine Krankheitsgeschichte erzählte. "Eigentlich wollte ich so´n Kram nie machen", begann er. Weil er, damals noch Student, mehrmals in der Woche an einem alten 170er Mercedes vorbeifuhr, fraß sich der Virus vet.unmerklich in sein Bewusstsein. Zufällig und unerwartet stellte sich seinem Fiat zur gleichen Zeit nach einem langen Abend eine Mauer in den Weg, so dass ohnehin ein anderes Fahrzeug her musste. Dass es aber ein so altes Auto sein sollte, machte nicht nur seine Eltern nachdenklich. Das Ende der Geschichte: der 170 S Cabrio B fährt heute noch dank der Tatsache, dass sein Besitzer das Studium mit Erfolg abschloss.
Im Vergleich zu anderen Krankheiten zeichnet sich der Virus vet. durch eher harmlose Anzeichen aus. Im Alltag sind die Patienten unauffällig, es sei denn, die Rede kommt auf altes Blech. Die Malaise kann aber auch zu extensiver Sammelwut von allem möglichen Gerät mit Motor führen, wobei dem Zuschauer meist das Verständnis für den teuer erstandenen Rost abgeht, in dem schon mal lange Jahre die Hühner des Besitzers ihre Nachtruhe fanden. Bis auf die geschilderten Bewusstseinstrübungen weist der Verlauf der Krankheit keine bleibenden Schäden auf, sieht man von zeitweisen familiären Verstimmungen ab.
Heilungschancen? Hier sollte man wie bei anderen Hobbys alle Hoffnung fahren lassen. Es ist eigentlich völlig wurscht, ob jemand Tauben fliegen lässt, in kleine Loks in Spur HO auf Gleich- oder Wechselstromschienen sein Geld investiert, winzige, gezähnte Raritäten mit der Lupe betrachtet oder auf die letzten technischen Errungenschaften im Automobilbau verzichtet, um sich in der Freizeit dreckige Finger zu holen.
Hauptsache glücklich!Beobachtungen von Karl Trieselmann