Ford Capri
Sein Name erinnert an Urlaub, an südliche Sonne und Rudi Schurickes Schnulze von den Capri-Fischern. Doch bevor er wurde, was er war, ging es in den Köpfen der Entwickler um wilde Pferde und Schießeisen. So hatte ein üppig motorisiertes automobiles Wildpferd namens Ford Mustang in den sechziger Jahren in den USA für Furore gesorgt. Weil schon damals amerikanische Erfolge gern kopiert wurden, sollte Europa ein sportliches Modell im Zeichen der blauen Ford-Pflaume bekommen. Schließlich verband man damit die Hoffnung, die seit 1965 sinkenden Verkaufszahlen zu beleben.
Also machten die Ingenieure sich ans
Werk - in ganz Europa. Denn die Order von oben lautete, daß die
europäischen Ford-Töchter den Mini-Mustang gemeinsam in Fahrt
bringen sollten. Projektname: Colt. Schnell begannen die Arbeiten, und
schon 1965 soll ein erster Prototyp bereitgestanden haben, der nach und
nach zum endgültigen Modell weiterentwickelt wurde. Dabei gab es
dann noch die eine oder andere Hürde zu überwinden: Unter
anderem sollte sich später zeigen, daß Versuchspersonen sich
so gar nicht mit den kleinen hinteren Seitenfenstern anfreunden mochten
- was aufwendige Änderungen zur Folge hatte.
Gebaut werden sollte das rollende Schießeisen sowohl bei Ford in
Köln wie auch im britischen Halewood. Als das Ergebnis Im Januar 1969
auf dem Brüsseler Automobilsalon präsentiert wurde, hatten die
Beteiligten
sich längst auf den Namen Capri geeinigt. "Colt" hatte
sich bereits Mitsubishi schützen lassen - und sollte ihn viele
Jahrzehnte für eher langweilige Modelle nutzen. Mit seiner langen Schnauze, dem
knappen Heck und dem Fastback (schneller Rücken) genannten Verlauf
der Dachlinie, hatte er zumindest äußerlich alles, was auch
das Vorbild Mustang auszeichnete.
Unter
dem Blech sah es weniger sportlich
aus. Schließlich hatte Ford beim Capri auf das Prinzip so manchem
europäischen Familie-Sportwagens vertraut: Man nehme so viele Teile
wie möglich aus den Regalen braver Limousinen-Modelle und stülpe
eine flotte Karosse darüber. Vor allem das Basismodell dürfte
bestenfalls bei eingefleischten Mofa-Fahrern für sportliche Gefühle
gesorgt haben. Die 50 PS des 1,3 Liter-Motors machten dem Vortrieb
spätestens
bei 133 km/h ein Ende. Die Beschleunigung lässt sich eher als
gemächliche
Zunahme der Geschwindigkeit werten: Von Null auf Tempo 100 in 22,7
Sekunden. Doch es ging auch anderes. Neben weiteren
Vierzylinderaggregaten
mit 60 oder 75 PS gab es auch stärkere Sechszylinder. Top-Modell der
Anfangsphase war der 2300 GT mit 108 PS, genug für immerhin 178 km/h.
Der Capri wurde in England anfangs mit
1,3-, 1,6- und 2,0-Liter Reihenmotoren angeboten. Ab 1971 war er auch mit
einem 3-Liter "Essex" V6-Motor erhältlich. Damals war er mit einer
Spitzengeschwindigkeit von 193 km/h das schnellste Serienauto, das je von
Ford England verkauft worden war. Die "Langnase" bot viel Platz unter der
Haube und so kam es das 1970 der May Turbo (LKW-Turbine von KKK) auf Basis
des 2,3 Liter 6-Zyl. mit 180PS auf dem Tuner Markt erschien.
1970 erschien das, was Ford selbst als
"Plastikbombe" ankündigte: der Capri 2600 RS. Dessen
2,6-Liter-Motor
ließ
den Mini-Mustang in acht Sekunden auf Tempo 100 stürmen und machte
205 km/h möglich. Den Zusatznamen erhielt er, weil Ford ihn als
Basis
für künftige Sporteinsätze sah und ihm so manche
Erleichterung
mit auf den Weg gegeben hatte. Für 15.800,-- DM erhielt man ein
Fahrzeug,
das jedem Porsche Paroli bieten konnte. Ausgerüstet mit einer
Kugelfischer-Einspritzanlage
leistete der 6-Zylinder 150 PS und machte den Capri zu einem
überlegenen
Reisesportwagen. Um das nun vorhandene Überholprestige jedem
deutlich
zu machen, wurde der RS konsequenterweise mit mattschwarz lackierter
Motorhaube
und Doppelscheinwerfern ausgeliefert, die in Verbindung mit den 195er
Reifen
für das nötige aggressive Äußere sorgten. Die ersten RS
hatten wahlweise verchromte Stossfängerecken im Programm, ab 1973
waren sie schwarz beschichtet und serienmäßig montiert.
Werksseitig gab es 185/70 HR13 Bereifung auf 6"X13 (gegen Aufpreis Minilite,
BBS oder NAG Felgen).
Wer wollte, konnte den starken Motor auch in dem üblichen
Blechkleid bekommen. Die Produktion seines
Nachfolgers RS3100 aus Halewood mit einer Höchstgeschwindigkeit
von 200 km/h wurde infolge der Ölkrise Mitte der 70er-Jahre
bereits nach wenigen Monaten eingestellt. Der Raumnocken der RS2600
Kugelfischer Einspritzung bekam 1973 eine geänderte Form, die
drastisch den Verbrauch senkte.
Gab es schon in Sachen Motor einiges an Auswahl, so wurde es bei der Kombination des Antriebs mit den Ausstattungsmöglichkeiten richtig kompliziert. Ford hatte beim Versuch, jedem Kunden die Möglichkeit zu geben, seinen persönlichen Capri zusammenzustellen, womöglich etwas übertrieben. So gab es einmal die L-Ausführung, die laut Ford "ein rein äußerliches Chrom Make-up" bot. Die X-Ausstattung brachte im Innenraum Extras wie hintere Einzelsitze mit sich. Bei der Version R (Rallye) sollten Sportfelgen, Lederlenkrad sowie eine mattschwarz lackierte Motorhaube für sportliche Gefühle sorgen. Weil diese Auswahl wohl nicht reichte, ließen sich bei allen Modellen die Ausführungen L und X zu XL kombinieren. Bei den stärkeren Modellen ab dem 1700 GT konnte auch noch R dazu gepackt werden, um einen Capri XLR entstehen zu lassen. Auf die Käufer scheint die Qual der Wahl jedoch nicht allzu abschreckend gewirkt zu haben. Nach nur neun Monaten feierte man bei Ford in Köln das erste Jubiläum - 75.000 Capri hatten bis September 1969 das Band verlassen. Dass sich in den Folgejahren auch auf den Rennstrecken etliche erfolgreiche Capris tummelten, dürfte zum anhaltenden Erfolg beigetragen haben. 1973 verbuchte man ein Rekordergebnis von 233.449 gebauten Capris. Darunter befanden sich sogar etliche Fahrzeuge, die von Lincoln-Mercury in den USA vermarktet wurden - der Capri war damit das erfolgreichste Importauto nach dem VW Käfer. In den deutschen Ford-Werken wurden in fünf Produktionsjahren rund 784.000 Capri produziert, von denen rund 244.000 Exemplare auf dem deutschen Markt Absatz fanden.
Zu den bedeutenden und legendären Erfolgen des Ford Capri im
Motorsport in den 70er Jahren zählten beispielsweise 1971 der
Titelgewinn in der Europa-Tourenwagen-Meisterschaft mit Dieter
Glemser auf Ford Capri RS (2,9 Liter/280 PS) und ebenfalls 1971 der
Titelgewinn in der Deutschen Rundstrecken-Meisterschaft durch Jochen
Mass, der bei acht Starts acht Siege herausfuhr. 1972 wurde die
Erfolgsserie weitergeführt durch den Meistertitel und Vizetitel in
der Europa-Tourenwagenmeisterschaft: Jochen Mass wurde Meister und
Dieter Glemser Vizemeister auf Capri RS (3,0 Liter/300 PS). Ebenfalls
1972 wurde Hans-Joachim Stuck auf Ford Capri RS Meister in der
Deutschen Automobil-Rennsport-Meisterschaft durch neun Siege bei zehn
Starts.
Ford beschäftigte sich auch mit der Allrad-Technik von Ferguson.
Zwischen Frühjahr 1969 und Herbst 1971 setzte das Werk
zwei Capri 3000GT 4WD mit den Brüdern Roger und Stan
Clark im damals noch jungen Rallycross Sport ein und
unterstützt darüber hinaus noch das weitgehend identische
Semi-Werksauto von Rod Chapman. Nach vielen Kinderkrankheiten wurden
die Allrad-Capris immer erfolgreicher, durften häufig erst 5 oder
10 Sekunden (4WD penalty) hinter den zweiradgetriebenen Konkurrenten
starten und gewannen trotzdem spätestens ab Ende 1970 fast
alle Rennen. Während Ford selbst die am Ende über 250 PS
starken „Biester“ (mit 2 Liter Essex-V6, CanAm-Benzin-Einspritzung,
ZF-Getriebe usw.) vor Beginn der britischen
Rallycross Winter-Serie 1971/72 einmottete, war Chapman mit seinem
4x4-Capri noch rund ein Jahr länger aktiv. Da ab 1973 im
Rallycross nach FIA-Reglement gefahren wurde, verschwand Ende 1972 die
erste Generation der Allrad-Fahrzeuge für immer aus dieser gerade
aufkeimenden Motorsport-Disziplin.
Den Allrad Umbau bot Ferguson auch für die Ford Zephyr/Zodiac, Mustang
und Straßen Capris an. Der Umbau eines Mustang kostete
etwa 1.500 englische Pfund, damals gut 13.000 DM. Etwas billiger
war der Umbau von Zodiac und Capri-Modellen mit etwa DM 10.500.
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